Aktuelle Seite: Musikverein Ehningen e.V. / Newsdetails
7.10.2022 : 10:20 : +0200

Aktuelle Meldungen / Presse Berichte

Weshalb Wilhelm Tafel mit Leib und Seele Bauer ist

Für seine Erzeugnisse bekommt er immer weniger. Und von der Agenda erwartet er Gegenwind. Doch all das kann Wilhelm Tafel nicht ins Bockshorn jagen. Der Ehninger ist Bauer mit Leib und Seele, weil man auf seinem Burghof an einem Strang zieht: "Wir sind eine Großfamilie."

EHNINGEN - Rote Wangen, gesunde Gesichtsfarbe, schaffige Händ' und eine kernige Natur: Wilhelm Tafel erfüllt alle äußeren Voraussetzungen, die dem Nährstands-Klischee entsprechen. Bloß eines tut der 41jährige eher selten - klagen.

Wohlgemerkt: Auch Wilhelm Tafel läßt sich nicht alle Agrarpolitik dieser EU bieten. In Genf hat er ebenso demonstriert wie in Bonn oder Brüssel. Und in Straßburg war er schon mehrfach, um berufsständische Interessen zu vertreten. Schließlich war Tafel bis zum 37. Lebensjahr Vize-Kreisvorsitzender im Bauernverband. Aber, wie gesagt: Der Mann bruddelt nur in Maßen. Mag aber seinen Beruf über alle Maßen.

Vor 30 Jahren ist der Vater von Tafel, der 1978 früh verstorbene Wilhelm Tafel, mit Sack und Pack von der Königstraße auf den Burghof an der B14 rausgezogen. 30 Stück Vieh, davon sechs Milchküh', auf sechs Ställe verteilt. "Dazu dr Stoibruch-Verkehr durch da Flägga - des war nix", erinnert sich Wilhelm Tafel. Die Alternative lautete aufhören oder umziehen. Letzteres ward getan. An den Hinteren Burgwiesen besaß man Land. Und baute den Burghof. "Ond heut' isch dr Stall scho wieder alt", sinniert Tafel. Ihn zu einem Boxenlaufstall umbauen? Der 41jährige zuckt mit den Schultern. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

So, wie sich die Landwirtschaft rasch verändert, so hat sich auch Tafels Betrieb gewandelt. Der alte Hof war sechs Ar groß, das heutige Hofgelände mißt 70 Ar. Und jetzt reicht das wieder nicht, sagt der Ehninger.

Wurden 1968 noch 25 Hektar Land bewirtschaftet, beackert Tafel heute 110 Hektar Nutzfläche. Auf 70 Hektar Ackerland wird Raps geerntet, Sommer-, Brau- und Wintergerste und Weizen. Dazu etwas Mais und etwas Klee. 40 Hektar umfaßt das Grünland. In den Ställen des Hofs muhen 28 Milchkühe, wachsen zehn Mastbullen heran, legen 400 Hennen frische Eier, warten 500 Masthähnchen auf den Grill und legen (in der Vorweihnachtszeit) 80 Puten rasch an Gewicht zu.

Direkt-Vermarktungs-Bein 

1987 war es, als Wilhelm Tafel zum 30. Geburtstag drei Hühner geschenkt bekam. Sie waren der Anstoß, in die Direktvermarktung einzusteigen. Den Schritt ins zweite Standbein hat er nie bereut, 1995 einen Hofladen eröffnet. Im dritten Jahr erwirtschaftet das Lädle konstant rund ein Fünftel der Einnahmen des Hofs.

Daß in dem alle mitschaffen, ist Ehrensache. Das jüngste der drei Tafel-Kinder, die 13jährige Annika, hat mit der Landwirtschaft zwar nicht viel am Hut. Die Hobbysportlerin aus der 8. Klasse an der Friedrich-Schiller-Realschule bringt den Kälbchen aber gerne ihre Milch und füttert manchmal auch die Hühner.

Stefan wird Hof-Erbe 

Hoferbe wird aller Voraussicht nach der Mittlere, Stefan. Der 15jährige, der an der Goldberg-Realschule in den letzten Zügen liegt, ist praktisch veranlagt. Am liebsten bastelt er am Schlepper rum. Abends hilft er im Stall, während der Ernte ist er unverzichtbar. Stundenlang steht er dann in der Mühle in Aidlingen in der Schlange, bis er die Frucht abliefern kann.

Der Geistesarbeiter der Familie dagegen ist Sohn Wilhelm. Wilhelm, der Fünfte, wie Vater Wilhelm lacht, weil der Älteste aus Tradition Wilhelm genannt wird. Der 17jährige, der ans Wirtschaftsgymnasium geht, will in Richtung Verwaltung oder Computer. Aber mit seinem Wissen am PC ist er auch dem Burghof dienlich. Nicht nur für Pachtüberweisungen. An den kommenden langen Winterabenden soll er dem Papa eine Schnellbleiche in computergestützter Betriebswirtschaft verpassen.

Von dieser Materie versteht auch Irmgard Tafel (39) nur wenig. Aber die Holzgerlingerin ist die rechte Hand ihres Mannes. Dabei war ihr die bäuerliche Materie zunächst völlig fremd. Als Tochter eines Lehrers heiratete sie in ein neues Milieu. Zupacken freilich konnte die gelernte Krankenschwester schon immer. Als der Schwiegervater starb, mußte sie sofort mit einsteigen. Die Schwiegermutter war krank, jede Hand wurde gebraucht. Daß sie ihre drei Kinder rasch hintereinander bekam, entsprach gewissermaßen einer bäuerlichen Familienplanung. Irmgard Tafels Mutter Suse war die Kindsmagd. Man ist da auf eine Großfamilie angewiesen.

Der Burghof-Killer 

Auch Frau Tafels Vater Klaus schafft hin und wieder mit: "Er metzget die Hühner. Wir nennen ihn scherzhaft den Burghof-Killer", lacht Irmgard Tafel. Ihre Schwiegermutter Maria Tafel und ihre eigene Mutter Suse nehmen die Hühner aus und machen sie verkaufsfertig.

Der Verkauf ist dann auch eine der Domänen der Maria Tafel. Die 63jährige steht gerne im Laden, hat man da doch den Kontakt zu den Ehningern. Die Leute kommen oft auf ein Schwätzle zu ihr. Und so manches Mal wird hier ein Auftrag für ein Gedicht vergeben. Denn Ehningens Heimatdichterin muß noch immer pro Woche mindestens ein Werk zu Papier bringen.

Auf ein Schwätzle bei Maria 

Tafels wären nicht Tafels, käme zu der hilfreichen Sippschaft nicht noch mal jemand dazu. Schwägerin Andrea Tafel etwa, die auch im Laden verkauft - und deren Kinder David und Diana.

Und dann gibt es da noch jene Schaffer, die nicht auf den Namen Tafel hören, aber unentbehrlich sind und stellvertretend für viele andere genannt sein sollen: wie die Familie Holder aus Hildrizhausen, die bei der Ernte hilft. Oder im Krankheitsfall. Oder die Familie Welz aus Ehningen, die bei der Herbstschau ebenso mitschafft wie beim Hoffest. Von dem letzten war Wilhelm Tafel ohnehin überwältigt, sah er doch über 100 Leute, die einen Beitrag zum Gelingen der Hof-Präsentation beisteuerten. "Da isch gut schaffa, oder?" schmunzelt Tafel.

Daß dessen Arbeitstag oft länger ist als der eines Arbeiters oder Angestellten, das weiß er. Mehr als einmal fünf Tage Allgäu-Urlaub waren nie drin. Aber sein eigener Herr sein, das ist ihm wichtig. Und Leistung muß man heute überall bringen. Nein, Tafel will nicht klagen. In den Firmen könnten doch die wenigsten ihres Arbeitsplatzes ganz sicher sein: "Woanders gibt's auch Probleme."

Sollten das kommunalpolitische sein, hilft Wilhelm Tafel sie mit lösen. Seit vier Jahren sitzt er im Gemeinderat. Von Last redet er auch da nicht, eher von Freude. Dadurch komme er mit so viel Interessantem zusammen. Da werde über alle Fraktionsgrenzen hinweg an einem Strang gezogen. Tafel will an diesem Strick ebenso mitziehen wie an dem Strick eines querliegenden Kälbchens. Wenn eine Kuh kalbt, hat er seiner Familie gesagt, könnt ihr mich aus der Sitzung telefonieren.

Anmerkung der MVE-Internet-Redaktion:
Wir sind stolz, dass Wilhelm Tafel ein sehr engagiertes förderndes Mitglied des Musikvereins ist.